SoLaWi – So La La?

Seit März diesen Jahres sind wir Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft „Permaglück“. Ich habe beim Metzger letztes Jahr im November erst ein Plakat hängen sehen, dann hat meine Mann einen Flyer mitgebracht. Ich konnte mit dem Begriff „Solidarische Landwirtschaft erst nicht viel anfangen. Klingt irgendwie nach Sozialismus, Kommunen und Hippies. Also hin zum Info-Abend und schnell war klar worum es geht. Es ist ein 100% transparenter Landwirtschaftsbetrieb. Alles, was erwirtschaftet wird, wird auf die Mitglieder der SoLaWi zu gleichen Teilen umgelegt. Laufende Kosten und sonstige Ausgaben müssen offengelegt werden. Dafür bekommt jedes Mitglied einen wöchentlichen Ernteanteil. Die Mitgliedschaft dauert ein Jahr und man bezahlt einen monatlichen Beitrag von 70€.

Die 2 Gärtner, ein junges Paar, die bis dato noch Hobbygärtner waren, kamen eher durch Zufall nach Odernheim an die wunderschöne Bannmühle. Die hatten zuvor in den Niederlanden gelebt und dort ein kleines Reihenhäuschen in eine kaum in Worte zu fassende grüne Oase verwandelt, in der das ganze Jahr über Gemüse geerntet werden konnte. Außerdem hatten sie einen You Tube Kanal auf dem alles dokumentiert und erklärt wurde. Man konnte also sehen: die zwei wissen was sie tun.

Dennoch war ich skeptisch. Denn wenn es z.B. durch ein Unwetter oder Schädlingsbefall größere Ernteausfälle geben sollte, hieße das: kein Ernteanteil und trotzdem 70€ bezahlen. Keine der beiden hatte zuvor einen landwirtschaftlichen Betrieb geleitet. Und möchte ich Teil einer Sache sein, mich dazu verpflichtet, jeden Freitag Nachmittag nach Odernheim zu fahren und mein Gemüse zu holen. Dazu kommt, dass man Teil einer Gemeinschaft wird und somit nicht mehr so unabhängig und frei entscheiden kann, was man in seinem Kühlschrank hat. Was, wenn es jede Woche das Gleiche gibt? Oder jede Woche Sellerie? Ich hasse Sellerie.

Ich folgte meinem inneren Gefühl und habe sofort am Info-Abend eine Mitgliedschaft unterschrieben. Denn man hat gemerkt, da vorne stehen 2 Menschen die für etwas brennen. Und auch wenn ein ordentlicher Haufen Idealismus dazu gehört, das wird schon gut werden. Außerdem: mehr Bio und Nachhaltigkeit geht eigentlich gar nicht. Ich glaube, in Frankfurt hätte ich mich niemals darauf eingelassen, doch hier war eh alles neu, warum also nicht.

Der Startschuss war der 1. März und es passierte erstmal: gar nix. Denn da alles auf Anfang war, hingen die Gärtner 2 Monate hinterher. Das hieß: bezahlen, aber trotzdem Nichts bekommen. Da wir im März und April nicht da waren, hat es nicht besonders weh getan, aber es war trotzdem ein komisches Gefühl, denn niemand wusste was kommt jetzt.

Anfang Mai hatten wir dann eine Art „Kennenlern-Fest“ und konnten dort auch gleich unseren ersten Ernteanteil abholen. Ich musste schmunzeln. 2 x Kopfsalatalat, ein Bündchen Kresse, ein Asiasalat und ein Bund Radieschen. Ich hatte gemischte Gefühle. Denn auf der einen Seite, war ich total stolz auf unsere Gärtner. Ich hatte in den letzten Monaten auf Instagram und You Tube verfolgt, wie hart sie geschuftet haben. Auf der anderen Seite hoffte ich, dass es noch etwas mehr werden würde, denn auf Dauer hätte ich meinen Mann dafür nicht begeistern können. Die Woche drauf gab es dann nur noch 1x Kopfsalat, 1 x Radieschen und 1 Bündchen Kresse. „Oje“ dachte ich. Ich habe im Hofladen noch ein frisches Brot gekauft und hatte noch frische Butter vom Markt im Kühlschrank. Radieschen mochte ich nämlich nicht besonders. Aber egal, ich wusste, dass es eben nicht nur das geerntet wird, was ich mag. Also gab es abends frisches Brot mit der Butter vom Markt, darauf Salz und Kresse und die frischen Radieschen dazu. Das war so unglaublich lecker und ich dachte mir: scheiß drauf! Selbst wenn es jede Woche nur eine Hand voll Gemüse gibt, dann machen wir einfach das Beste daraus. Der 3 Ernteanteil war dann mit einem Bund Frühlingszwiebeln, Kohlrabi, einem Bund rote Bete, 2 Bund Mairübchen, Fenchel und Salat eine richtige Gemüsekiste und von da an war es jede Woche eine Freude zur Bannmühle zu fahren. Es wurde von Woche zu Woche mehr und irgendwann konnten wir nicht mehr alles auf einmal verarbeiten. Also fing ich an Suppen und Soßen einzukochen.

Mirabellenbaum auf dem Weg zur Bannmühle

Im Sommer bekam ich dann mein langersehntes und gewünschtes Lastenfahrrad und von da an haben wir jeden Freitag nach dem Kindergarten eine Radtour nach Odernheim gemacht. Auf dem Weg wurden noch Mirabellen, Brombeeren und zuletzt Hagebutten gepflückt. Der Radweg von Bad Sobernheim nach Odernheim ist wunderschön und es ist jedesmal ein wenig wie Urlaub. Und was mir am Anfang Sorgen bereitet hat, nämlich nicht kontrollieren zu können, was man im Kühlschrank hat, hat sich als Segen rausgestellt. Denn ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen was ich koche, sondern ich muss mir nur noch Gedanken darüber machen, was ich aus den Dingen mache. Letzte Woche gab es seit langem mal wieder Radieschen und ich habe mich total gefreut. Das Gemüseangebot ist unglaublich abwechslungsreich und wenn einem wirklich mal etwas gar nicht schmeckt, dann kann man es einfach in die Tauschkiste legen.

Mein Fazit zur SoLaWi: Es hat unser Leben verändert, aber ausschließlich zum Guten. Wir essen mehr Gemüse als vorher, ich experimentiere viel mehr in der Küche als vorher und uns sind unsere 2 Gärtner Kerstin und Marcel so ans Herz gewachsen, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen könnte, ohne ihr wunderbares Gemüse auszukommen. Aber es ist natürlich ein größeres Arbeitsaufkommen. Man muss das Gemüse verarbeiten wenn es reif ist, nicht wenn man gerade Lust darauf hat. Man muss Kochen können, denn auf Dauer schmeckt Rohkost nur so mittelgeil und man muss sich anpassen können. Aber ich sage euch: es lohnt sich. Ich habe das gute Gefühl das richtige zu tun. Es fühlt sich gut an, Teil dieser Gemeinschaft zu sein und die Menschen zu kennen, die das anbauen, was wir auf dem Teller haben. Nachhaltige Landwirtschaft heißt nämlich nicht, dass immer alles für uns zur Verfügung stehen muss. Wir müssen nur wieder lernen uns zur Verfügung zu stellen, wenn es gerade alles gibt. Nahrungsmittel sind kostbar und so sollte man sie auch behandeln. Auch wenn sie nicht unserem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

Wer also die Möglichkeit hat Mitglied einer SoLaWi zu werden, der sollte diese Möglichkeit auf jeden Fall in Betracht ziehen. Denn regionaler, saisonaler und frischer geht’s nicht. Und während ich hier an diesem grauen Freitagmorgen mit Tee und meiner Kuscheldecke in meinem Sessel sitze, wühlen unsere Gärtner schon wieder für den nächsten Ernteanteil. Und ich muss jetzt los, Mittagessen machen. Es gibt Wokgemüse mit Sellerie…gar nicht so schlecht.

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